Bundestagswahl in Peru

Schon vor Monaten fing ich an mich mit dem Thema Bundestagswahl zu beschäftigen. Nicht weil ich die totale Politikfanatikerin bin, sondern weil ich vor dem Problem stand, wie wähle ich im Ausland? Denn seit diesem August bin ich als Freiwillige des BDKJ Speyer in einem Projekt in Cajamarca (Peru) tätig. Für mich persönlich ist es aus vielen verschiedenen Gründen wichtig zu wählen. Zum einen, weil es meine aller erste Bundestagswahl ist bei der ich meine Stimme abgeben darf. Zum anderen, weil ich es wichtig finde seine Stimme abzugeben um gegen den aktuell aufkommenden Fremdenhass und Populismus „anzukämpfen“.

Mit dieser Einstellung war ich nicht die einzige unter den Freiwilligen, weshalb wir dieses Thema auch bei unseren Vorbereitungstreffen thematisiert haben (für jeden Freiwilligendienst im Ausland sind Vorbereitungsseminare Pflicht). Das Fazit bei diesem Seminar war: Wahlen werden auf Kommunaler Ebene durchgeführt und da alle Freiwillige aus unterschiedlichen Städten kommen gibt es auch unterschiedliche Reglungen. Wie wählen im Ausland funktioniert muss mit dem jeweiligen Bürgerbüro abgesprochen werden!

Anfang Juli bin ich dann also zum Bürgerbüro in meiner Stadt gedackelt. Aber viel mehr Erfolg hatte ich dort auch nicht. Ab Ende August kann man unter Vorlage seines Ausweises direkt dort wählen oder seine Briefwahlunterlagen beantragen. Anfang Juli konnte ich jedoch nur meine Email-Adresse hinterlegen, damit ich Informationen bekomme ab wann und wie ich die Briefwahlunterlagen beantragen kann.

Und dann ging es auch schon für mich los nach Peru. Hier angekommen war alles total überwältigend und anders als in Deutschland. Erstmal hieß die Devise ankommen und sich einleben mit der Sprache, den den Menschen und der Kultur. Und super schnell waren auch die ersten zwei Wochen vorbei, in denen ich absolut nichts von Deutschland oder der anstehend Wahl mitbekommen habe. Im allgemeinem wird hier sehr wenig über aktuelle Nachrichten geredet. Das kann aber auch daran liegen das ich in der Schule, in der ich arbeite, hauptsächlich mit Menschen aus den unteren Schichten zu tun habe, die sich keine Zeitung oder gar einen Fernseher leisten können.

Nach den ersten zwei Wochen fing ich dann an regelmäßig Nachrichten im Internet zu lesen um mit zu bekommen was auf der Welt und in Deutschland los ist. Auch im Bezug auf die Bundestagswahl versuchte ich mich schlau zu machen, jedoch mit einigen Problemen. Ein Problem war das Tv-Duell zwischen Merkel und Schulz. Durch einen Länderblocker ist es unmöglich einen Livestream zu empfangen oderlaenderblocker das Duell auf der offiziellen Website anzuschauen. Aber dank Youtube konnte ich es mir trotzdem noch ansehen. Das führt mich zu Problemen die nicht so einfach per Internet zu beheben sind. Für mich stellte es sich als sehr frustrierend heraus, mich über meine Direktkanditaten zu informieren. Allein den Wahlkreis herauszufinden ist nicht so einfach wie man denkt. Und dann findet man irgendwann die Namen der Kandidaten und manchmal auch das Alter und Parteizugehörigkeit, aber mehr auch nicht. Da bleibt einem selbst bei der Erststimme nur die Möglichkeit über die Partei zu wählen.

Als ich mich mehr oder weniger gut informiert hatte und meine Briefwahlunterlagen erhalten hatte stand ich vor dem nächsten Problem: Wie bekomme ich die Unterlagen schnellstmöglich wieder zurück nach Deutschland? Schließlich waren es nur noch zwei Wochen bis zur Auszählung. Die Lösung ist genauso einfach wie kompliziert: per Diplomatenpost der Deutschen Botschaft in Lima! Trotzdem mussten die Unterlagen dafür nach Lima und das innerhalb von vier Tagen. Zum Glück gibt es Fernreisebusse die auch Briefe annehmen (das kann man sich so ähnlich vorstellen wie amerikanische Postkutschen).

Und nachdem ich all diese Schwierigkeiten beseitigt hatte, bekam ich eine offizielle Einladung der deutschen Botschaft in Lima zu einer Wahlparty in der Deutschen Schule in Lima, für alle in Peru lebenden Deutsche.

Zusammen mit noch drei anderen Freiwilligen, hier aus Cajamarca, machte ich mich also Freitag Abend mit dem Bus auf den Weg Richtung Lima.bundestagswahl_hinfahrt Während der ungefähr 15 h langen Fahrten hatten wir ausreichend Zeit um über unser bevorstehendes Wochenende und den Ausgang der Wahl zu diskutieren. Am Busbahnhof in Lima mussten wir zunächst einmal ein Taxi finden das uns ins Zentrum fährt ohne einen total überteuerten „Gringapreis“ (Ausländerinnenpreis) zu bezahlen (ohne Erfolg). Am Samstag gab es noch kein offizielles Programm,von daher haben wir uns einen entspannten Tag am Meer gemacht und ein paar nette Peruaner kennen gelernt, die uns peruanisches Essen spendiert haben und uns viel über Lima erzählen konnten. Anschließend haben wir uns noch in einem Park unter tanzende Peruaner gemischt (wir sind ziemlich heraus gestochen).

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Einer von zwanzig Tagen im Jahr an denen man den Himmel in Lima sehen kann. Ansonsten ist Lima unter einen grauen Smogglocke vergraben.
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Einmal in der Woche werden im Parque Kennedy (DER Park in Lima) Boxen aufgebaut und jeder wird zum Tanzen aufgefordert. Obwohl der Park im Touriviertel mit den meisten ausländischen Touristen liegt, waren wir die einzigen Weißen und wurden dementsprechend angestarrt.

 

 

Am nächsten Tag war es dann auch schon so weit: Die Bundestagswahl steht an. Und viele Fragen. Wird Merkel Kanzlerin bleiben? Welche Regierung wird sich bilden? Und was wird sich politisch alles verändern bis ich wieder zurück in Deutschland bin? Direkt nach dem Frühstück ging es los zur Deutschen Schule. Auf Grund des Verkehrs in Lima (das TOTALE Chaos!) waren wir jedoch viel zu spät und haben im Taxi auf das Ergebnis der ersten Hochrechnung gewartet. Der Taxifahrer muss uns für total verrückt gehalten haben, als wir alle zusammen gespannt auf ein Handy gestarrt haben um die ersten Prozentzahlen zu lesen. Und hinterher ziemlich geschockt waren von der Prozentzahl der AfD. Um kurz nach 11 sind wir dann auch endlich angekommen und ich war total geschockt. In dem einen Moment befand ich mich noch in Lima (12 Flugstunden weit weg von Deutschland) und im nächsten Moment zurück in Deutschland. Alle anderen Gäste haben in deutsch über die Wahlergebnisse gesprochen. Dazu gab es noch zwei verschiedene Livestreams von den Wahlergebnissen.screen Im meinem Alltag hier, kommt es oft vor das ich nicht alles verstehe, wenn Leute um mich herum reden und plötzlich habe ich wieder jedes einzelne Wort verstanden. So was es auch sehr einfach mich in ein Gespräch einzuklinken und gemeinsam über mögliche Koalitionen zu spekulieren oder sich darüber aufzuregen warum eine rechtspopulistische Partei ein so hohes Ergebnis erzielt hat.

Erst während dieser Wahlparty ist es diese Wahl für mich Realität geworden. Auch wen ich mich schon vorher mit dem Thema beschäftigt habe, war sie für mich kein Teil meiner aktuellen Realität. Keiner hat darüber gesprochen, bzw. keiner wusste hier überhaupt davon, und nirgendwo hingen Wahlplakate oder Zeitungen mit Merkel oder Schulz auf dem Titelblatt. Mit so vielen Menschen die sich über die Wahl unterhaltet haben und der Übertragung habe auch ich schlussendlich realisiert, das sich in Deutschland politisch manches ändern wird, obwohl ich von hier aus vorerst wenig davon mitbekommen werde.

Um den deutschen Flair noch zu unterstützen gab es Brezeln, Bratwurst und deutsches Bier.brezel_bier Spendiert wurde all das von dem Deutschen Botschafter. Er selber war zwar nicht da, dafür aber der stellvertretender Botschafter und mit ihm haben wir uns lange über die Wahl unterhalten. Da er unter anderem Staatswissenschaften und Politik studiert hat, war es sehr informativ. Eigentlich sollte es noch Vorträge geben zu den Unterschieden im peruanischen und deutschen Wahlsystem, die mussten jedoch leider abgesagt werden.

Stattdessen haben wir uns mit verschiedenen Personen darüber unterhalten, die schon seit vielen Jahren in Peru wohnen. Viele Menschen sind hier sehr unzufrieden mit der Politik, weil es immer noch viel Bestechlichkeit gibt und auch die Kirche aktiv Einfluss nimmt (z.B. auf den Lehrplan). In Lima gibt es ein Gefängnis, in dem zu großen Teilen ehemalige Politiker, wegen Betrug, sitzen (unter anderem drei ehemalige Präsidenten Perus). Als die Wahlparty nach ein paar Stunden zu Ende war, sind wir noch zu dem stellvertretenden Botschafter nach hause gefahren um die Zeit zu überbrücken, bis wir wieder nach Cajamarca fahren mussten. (Das wir dann den Bus verpasst haben ist wiederum eine andere Geschichte).

Insgesamt zum Thema Bundestagswahl kann ich sagen, dass man die Wahl unterschiedlich von seinem Aufenthaltsort wahrnimmt. Es ist viel komplizierter zu wählen und wen man sich nicht aktiv dafür einsetzt, bekommt man von der Wahl nichts mit. Für mein Leben hier spielt es auch eigentlich keine Rolle, deshalb war es umso schöner für ein Wochenende nach Lima zu reisen und dort „hautnah“ die Wahlen mitzuerleben und mal die deutsche Tagesschau zugucken.